Reggio-Pädagogik
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Die Reggio-Pädagogik ist ein elementar- sowie kunstpädagogischer Ansatz, der sich in der italienischen Stadt Reggio Emilia entwickelt hat. Nach Ende des zweiten Weltkrieges und aus dem tiefen demokratischen Verständnis der Stadtbewohner heraus, entstand der Wunsch nach einer neuen Form der Kindererziehung. Mit Hilfe von Projekten und kreativen Impulsen strebt das Konzept nach Prinzipien der Gemeinschaft, Gleichheit und Selbstbestimmung. Ziel ist die Bildung einer ganzheitlichen Persönlichkeit, die sich autonom und selbstbewusst in der Welt zurecht finden kann. Wesentliche Merkmale der Reggio-Pädagogik sind zum einen die starke Fokusierung auf demokratische Strukturen, wobei Eltern, Kinder und ErzieherInnen gleichberechtigte Partner darstellen. Zum anderen sollen auf Grund dessen, die Kindertagesstätten als Orte der Kommunikation und Erfahrung gestaltet werden. Zudem stehen die Kindergärten in Reggio Emilia in einer stetigen Interaktion mit ihrem gesellschaftlich-kulturellen Umfeld (Stadt, Einwohnern etc.), um die Erziehung den gesellschaftlichen Begebenheiten dauerhaft anpassen zu können.
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[Bearbeiten] Die Eckpfeiler der Reggio-Pädagogik: Kind, Eltern, BegleiterInnen und Raum
Die Kindergärten in Reggio Emilia heißen übersetzt Schulen der Kindheit (Scuole dell’ infanzia) und werden von Eltern, Kindern und ErzieherInnen gleichermaßen getragen. Das reggianische Konzept begreift den Erziehungsprozess als gemeinschaftliche Aufgabe, in welchen sich jeder mit seinen individuellen Kompetenzen einbringen kann und dadurch eine Bereicherung für die Anderen darstellt. Beim Erforschen ihrer Umwelt sind die Kinder nicht auf sich allein gestellt, sondern benötigen emotionale und soziale Unterstützung. Dabei legen die Reggianer sehr viel Wert auf die Berücksichtigung der persönlichen kindlichen Rhythmen und bieten rituelle Bezugspunkte im Alltag an. Ein wichtiges Ritual in den Kindertagesstätten ist der Morgenkreis (Appello), bei dem sich alle Kinder und ErzieherInnen zu Tagesbeginn zusammenfinden. Hierbei besprechen sie wie sich jeder Einzelne fühlt, was ihn beschäftigt, was er gestern erlebt hat und was im weiteren Tagesablauf geschehen soll. Entscheidend für die reggianische Konzeption ist die Zusammenarbeit aller am Erziehungsprozess beteiligten Personen. Nur in einer gut funktionierenden Gemeinschaft kann das Kind seine Schwächen und Stärken erkennen und Fähigkeiten ausbauen.
[Bearbeiten] Das neue Bild vom Kind
Grundlegend für das neue Bild vom Kind in der Reggio-Pädagogik ist die Annahme, dass es bereits ab der Geburt über eine Vielzahl an Potentialen und Ressourcen verfügt. Sie sind in der Lage Dinge zu beobachten, Prozesse nachzuvollziehen und über individuelle Lernstrategien zu eigenen Ergebnissen zu gelangen. Dabei ist jedes Kind fähig mit seiner Umwelt und anderen Menschen zu kommunizieren. Die Reggianer sprechen vom Kind als eifrigen Forscher. Die Bezeichnung des Kindes als Forscher verdeutlicht die Wertschätzung des kindlichen Handels, da der Begriff des Forschen in Zusammenhang mit der Erwachsenenwelt steht. In der Reggio-Pädagogik wird davon ausgegangen, dass das Kind bereits ab der Geburt über die Fähigkeit zum Forschen verfügt. Als Anlass zum Forschen sieht Loris Malaguzzi, das Verlangen nach der Überwindung der Eintönigkeit und der Freude am Staunen. Das kontinuierliche Entdecken der Umwelt resultiert aus der Zufriedenheit des Kindes und regt zu immer neuen Fragen an. Ziel aller reggianischen Einrichtungen ist es, den Kindern dauerhafte Anregungen zum Erforschen der Umgebung zu bieten. Dies geschieht in den reggianischen Institutionen mit einer großen Vielfalt an Materialien und Abwechslung.
Das variationsreiche Angebot in den Kindertagesstätten resultiert aus der Annahme, dass jedes Kind über hundert Sprachen verfügt. Die Zahl Hundert fungiert hierbei als Symbol für eine Vielzahl an Ausdrucksmöglichkeiten die dem Kind zur Verfügung stehen. Mit Hilfe ihrer Mimik und Gestik treten Kinder auch ohne verbale Sprache in einen Kommunikationsprozess mit ihrer Umwelt und kombinieren sinnliche und körperliche Erfahrungen. Jede einzelne der Sprachen eines Kindes wird als Bereicherung angesehen und besitzt den gleichen Stellenwert. Das Ziel der Reggianer ist demnach jede kindliche Ausdrucksform zu würdigen und auszubauen. Damit dies sinnvoll und effektiv gelingen kann, ist es die Aufgabe der Einrichtungen Angebote zu schaffen, welche die gesamten Sinne des Kindes ansprechen. Im Austausch mit anderen Kindern und Erwachsenen erläutern und überprüfen sie ihre Theorien und schulen ihre kommunikativen Fähigkeiten.
Das Kind wird als von Geburt an kompetentes Wesen betrachtet, welches sich in einem aktiven Prozess mit seiner Umgebung Wissen aneignet. Damit ist es Konstrukteur seines eigenen Wissens. Wissenserwerb erfolgt demnach nicht in einem Prozess der reinen Vermittlung vom Erwachsenen zum Kind, sondern in demokratischen und autonomen Beziehungen. Dies tun die Kinder mit Hilfe ihrer hundert Sprachen und ihrem angeborenen Drang zum Forschen, welcher sie zu immer neuen Fragen motiviert.
Werden die Potentiale und Ressourcen der Kinder nicht hinreichend erkannt und gefördert, kommt es laut Malaguzzi zur einer Verarmung der kindlichen Entwicklung. Um dem zu entgegnen haben sie eigene Rechte, welche von Loris Malaguzzi im Jahr 1993 festgelegt wurden.[1] Diese beinhalten zum einen das Recht auf soziale Interaktionen. Das Recht resultiert aus der Annahme, dass sich das Kind aktiv an der Bildung seiner eigenen Identität, Autonomie und Kompetenz beteiligt. Zum anderen legt ein weiteres Recht fest, dass es jedem Kind ermöglicht werden soll zu eigenen kreativen Lösungen zu gelangen. Diese sollen vom Erwachsenen nicht als richtig oder falsch bewertet werden, da Fehler als Weg zu neuen Erkenntnissen dienen.
[Bearbeiten] Die Begleiterin
Um eifrig Forschen und ihre hundert Sprachen zum Ausdruck bringen zu können, benötigen die Kinder eine kompetente Erzieherin. Der Terminus Erzieherin ist im reggianischen Sinne ungünstig gewählt. Vielmehr bedienen sich die Pädagogen in Reggio Emilia des Begriffs der Wegbegleiterin, der das neue Verständnis von Erziehung untermauern soll. Zudem grenzt sich der pädagogische Ansatz damit von dem herkömmlichen Verständnis einer Erzieherin, als Leiterin der kindlichen Entwicklung ab. Sie hat nicht die Aufgabe das Kind zu führen, sondern vielmehr hat sie eine unterstützende Rolle inne. Ihre Verantwortung liegt in der Schaffung einer vertrauten Atmosphäre, welche durch Autonomie, Zeit, Wohlbefinden, Raum und Aktivität geprägt ist. [2]
Dabei geht es nicht darum dem Kind Vorgaben zu machen was zu tun ist. BegleiterInnen und Kinder begeben sich gleichsam auf einen Weg der Entdeckung und des Erforschen. Dies meint Fragen der Kinder nicht einfach zu beantworten, sondern sie den Kindern mit neuen Anregungungen zurückzugeben. Es liegt also in ihrer pädagogischen Verantwortung unterstützend und beratend dem Kind zur Seite zu stehen. Weiterhin ist es ihre Aufgabe eine sehende und hörende Zeugin der kindlichen Entwicklung zu sein. In einem fortlaufenden Dokumentationsprozess, hält die Begleiterin die einzelnen Aktivitäten und Aussagen der Kinder fest. Im alltäglichen Ablauf der Kindertagesstätte werden Fotografien gemacht und alles genau dokumentiert. Dieses genaue Beobachten und Zuhören dient dem besseren Verständnis der hundert Sprachen. Die Dokumentation ermöglicht es dem pädagogischen Personal ablaufende Prozesse der Kinder und sich selbst zu reflektieren. BegleiterInnen befinden sich damit in einem andauerten Prozess der Neuorientierung und des Lernens. Damit findet eine dauerhafte Weiterentwicklung statt, die letztlich zur Qualitätssteigerung der Institution führen kann.
[Bearbeiten] Die Rolle und Kompetenzen der Eltern
Der reggianische Grundgedanke sieht Erziehung als eine gemeinschaftliche Aufgabe an. Dies meint ebenfalls die Einbindung der Eltern und anderer Familienmitglieder in die pädagogische Diskussion und den institutionellen Alltag. Daraus resultiert die Einbindung der elterlichen Kompetenzen bei der Planung und Auswertung erzieherischer Prozesse.[3] Um diesen Anspruch gerecht zu werden, existieren vielfältige Partizipationsmöglichkeiten in den reggianischen Kindergärten, welche im reglamento festgeschrieben sind.[4]
Zum Einen findet sich als Möglichkeit zur Teilhabe der Elternabend, bei welchen dokumentierte Videos und Fotografien ihren Einsatz finden. Dadurch wird den Eltern der direkte, wenn auch zeitlich versetzte, Einblick in die pädagogischen Gegebenheiten der Institution eröffnet. Dies ermöglicht die kritische Reflektion der Arbeit mit ihren Kinder und das Einbringen von Verbesserungsvorschlägen von Seiten der Eltern. Dadurch befinden sich alle Beteiligten in einem andauernden Prozess der Reflektion und Qualitätssteigerung. Zum anderen gelten die Eltern der Kinder als Experten für ihre Kinder. Um Einrichtung und Familie in Einklang zu bringen, bedarf es dem Wissen der Eltern. So können BegleiterInnen Rücksicht auf individuelle häusliche Begebenheiten nehmen und sie in den Kindergartenalltag einbringen.[5] Weiterhin können Eltern ihre persönlichen Fähigkeiten in die Kita einbringen und bei speziellen Problemen als Experten hilfreich zur Seite stehen. Gemeint sind Ideen, Interessen, berufliche Qualifikationen und fachliches Wissen, die in die Projekte und die Gestaltung der Kindertagesstätte eingebracht werden können.
Die Zusammenarbeit und der intensive Austausch zwischen Eltern und ErzieherInnen, zwischen Kind und Eltern und Kind und ErziehrInnen ist unerlässlich für ein gutes Gelingen des pädagogischen Alltags und das Wachsen der Kinder.
[Bearbeiten] Der Raum als dritter Erzieher
Um jedem Kind seine hundert Sprachen und seinen Forschungsdrang ermöglichen zu können, bedarf es einer neuen Vorstellung von Raum. Die Reggianer gehen davon aus, dass bestimmte Interaktionen erst mit Hilfe des Raumes statt finden können. Damit ist nicht nur die Kommunikation zwischen zwei Personen gemeint, sondern auch jene zwischen Kind und Umwelt. Schillernde Aquarien bezeichnet Loris Malaguzzi die hohen Glasfronten, die seit den 1980er Jahren in jeder reggianischen Kita architektonisch vorgeschrieben sind. Zum einen verbinden sie verschiedene Orte miteinander und zum anderen ermöglichen sie den Austausch zwischen der inneren und äußeren Umgebung. Letztlich sind sie auch ein Symbol für die transparenten Strukturen der Einrichtungen. [6]Jede reggianische Kindertagesstätte besitzt die sogenannte Piazza, die den Eingangbereich darstellt. Hier finden sich Informationstafeln für Eltern und Erzieher, Bilder der Kinder, Sitzgelegenheiten und kleine Spielereien. Die Piazza dient als Ort des Austauschs und der Kommunikation für alle Beteiligten. [7]
Der Raum verstanden als dritter Erzieher bezieht sich auf die Einbettung vielfältiger Lern- und Entdeckungsmöglichkeiten in die Räumlichkeiten. Er soll Anregungen und Fragen ermöglichen, die unaufdringlich in den Raum eingearbeitet sind und Lust am Forschen hervorrufen. Eine Vielzahl an interessanten Materialien schaffen Anregungen für das Kind, wobei verschiedene Spielgelegenheiten zum kommunizieren einladen sollen. Der Austausch zwischen Umwelt und Kind, sowie zwischen den Kindern untereinander, ermöglicht es ihnen ihre eigenen Theorien zu hinterfragen, bestätigen, anderen zu erläutern und nachträglich zu überprüfen. Dies ist ein notwendiger Schritt beim Neuerwerb von Wissen, welchen der Raum ermöglichen muss. Die BegleiterInnen beobachten stetig welche Materialien wie genutzt werden und passen sie ihren neuen Erkenntnissen an. Damit befinden sich die reggianischen Institutionen in einem dauerhaften Wandel, der sich auch an wissenschaftlichen und pädagogischen Erneuerungen orientiert. [8]
[Bearbeiten] Kreatives Gestalten in Reggio
In der Reggio-Pädagogik wird der Kunst ein hoher Stellenwert eingeräumt. Dies zeigt sich neben der Existenz eines Ateliers und dem Anstellen von Künstlern, auch in dem vielfältigen Materialangebot. Die starke Einbindung von ästhetisch-gestalterischen Prozessen resultiert aus der Annahme, dass Kinder über hundert Sprachen verfügen. Zudem gehen die Reggianer davon aus, dass sie sich die Wirklichkeit über künstlerische Verfahren aneignen können. Vorraussetzung dafür ist ein emotionaler Bezug zum Gegenstand, sowie das tatsächliche Erleben und Ertasten. Wenn es beispielsweise darum geht ein herbstliches Laubblatt aufzuzeichnen, gehen BegleiterInnen und Kinder in die Natur und erforschen die Beschaffenheit der unterschiedlichen Blätter. Sie erfühlen, riechen und ertasten sie, um das Blatt genau zu erfahren. Diese intensive Auseinandersetzung mit der Umwelt führt zu einem besseren Verständnis der Welt und zu neuen Sichtweisen auf die Umgebung. In der Konsequenz kann das, laut reggianischer Ansicht, zu einer besseren Lebensbewältigung führen. [9]Kreativität endet in den Einrichtungen von Reggio Emilia nicht im Atelier, sondern beinhaltet gleichsam musikalische, tänzerische, sportliche und darstellende Ausdrucksformen. Diese starke Fokusierung auf künstlerisch-ästhetische Verfahren resultiert aus folgenden Annahmen.
- Sprache wird Kindern fast nur über Imitationsmechanismen übermittelt, ohne Einbindung von tatsächlichen Erfahrungen
- Erziehung erfolgt zumeist verbal
- das Kind verfügt aber über hundert Sprachen, also mehr Ausdrucksmitteln als die verbale Sprache allein
- jede Ausdrucksform gilt es zu fördern und zu achten
- diese stehen in Beziehungen zueinander und fördern sich gegenseitig [10]
[Bearbeiten] Das Atelier
Das Atelier gilt seit den 1970er Jahren als feste bauliche Grundlage aller reggianischen Einrichtungen. Häufig ist dem großen Atelier ein Miniatelier angesiedelt in dem frei gearbeitet werden kann. Die Kinder erhalten eine Vielzahl an Materialien, Stoffen und Farben, um ihren hundert Sprachen ein kreativen Ausdruck verleihen zu können.
Das Materialangebot soll die Experimentierfreude wecken und die Kinder zu einem gestalterischen Schaffensprozess anregen. Dabei soll das Atelier eine bewusste Unordnung schaffen, in Form von Unbekanntem und Neuem, das zu innovativen Überlegungen führt und neue Fragen aufwirft.
In kleinen Gruppen arbeiten die Kinder in den Ateliers, meist in Verbindung mit dem aktuellen Projekt, unter Anleitung einer Leiterin. Dabei handelt es sich überwiegend um freischaffende Künstler ohne spezifische pädagogische Ausbildung. Sie sind Teil des Teams und gleichzeitig Experten für spezielle gestalterische Fragen. An den Wänden der Ateliers befinden sich kleine Ausstellungen, welche den künstlerischen Entwicklungsprozess der einzelnen Kinder darstellen und den Eltern einen Einblick in diesen ermöglichen. [11]
[Bearbeiten] Materialien
In der reggianischen Konzeption findet sich kaum didaktisch vorbereitetes Material. Die Räume sind wie Markplätze die zum Erkunden und Entdecken einladen sollen und Materialien aus dem Alltag anbieten. Knöpfe, Stoffe, Perlen, Bänder, Äste, Rinde, Gläser und Körbchen sind der alltäglichen Welt entnommene Gegenstände, die Anregungen schaffen sollen. Dabei sprechen sie die Gesamtheit der Sinne an und laden ein errochen, ertastet, betrachtet und erhört zu werden. Dies ermöglicht eine Wahrnehmung der Welt über direkte sinnliche Erfahrungen. Das Konzept zielt in seiner Konsequenz auf eine ganzheitliche Entwicklung des Kindes ab.
[Bearbeiten] Die Bedeutung des Spiegels und des Puppenspiels
Die Arbeit mit Spiegel nimmt einen hohen Stellenwert in der Reggio-Pädagogik ein. Sie sind in die Räume unaufdringlich eingebunden. Spiegelzelte, Zerr- und Vergrößerungsspiegel, Spiegel an den Decken und auf dem Boden, üben ein Faszination auf die Kinder aus. Sie konfrontieren mit Bekannten und Neuem. Denn obwohl der Spiegel das eigene Ich abbildet, verhält es sich immer anders, da es nach Licht und eigenen Empfinden eine andere Wirkung hat. In der reggianischen Vorstellung dienen die Spiegel zur Identitätsfindung und Bildung des Ichs. Er ermöglicht es den Kindern sich in ihrer Gesamtheit betrachten zu können und ein Bild von sich zu machen. Dabei erproben sie sich und ihren Körper im Gegenüber. Die Kinder beobachten ihre Mimik und Gestik, schlüpfen in unbekannte Rollen, erforschen neue Gesichter und betrachten ihre Umgebung neu.[12]
Viele Kinder spielen ihre Eindrücke von der Umwelt gerne nach. Sie kehren sie um, dramatisieren sie und bringen ihre Ängste und Wünsche zum Ausdruck. Aus diesem Grund finden sich in den reggianischen Einrichtungen eine Vielzahl an Verkleidungsmöglichkeiten. Das spontane Spiel mit der Wirklichkeit soll in Reggio weiterhin durch Puppen und dem Puppenspiel gefördert werden.[13] Mariano Dolci ist ein fest angestellter Puppenspieler, mit eigener Werkstatt, der in den Einrichtungen auftritt und mit den Kindern in neue Welten eintaucht. Mit Hilfe der Puppen können sich die Kinder ausdrücken, andere Identitätsentwürfe erproben und Erlebtes aus einem neuen Blickwinkel reflektieren. Dabei geht es nicht darum moralische Konzepte zu präsentieren, sondern sich mit Hilfe der Puppe frei bewegen zu können. Das Kind tritt hinter der Puppe zurück und kann so tabuisierte Themen aufgreifen und verarbeiten. Dies fördert, laut reggianischen Pädagogen, die Identitätsbildung der Kinder und gleichzeitig die Feinmotorik und die verbale Sprache.
[Bearbeiten] Die Arbeit in Projekten
Kinder verbringen die meiste Zeit in kindgerechten Räumlichkeiten die pädagogisch besetzt sind. Dadurch lernen sie ihre Umwelt aus zweiter Hand kennen und nicht im direkten Umgang mit ihr. Der Umgang mit einer immer komplexeren Welt und der Erwachsenenwelt bleibt somit verschlossen und häufig unbekannt.[14] Um dem zu entgegnen bedienen sich die Pädagogen in Reggio Emilia der Projektmethodik.
Diese sind bestimmt von Offenheit, Lebensnähe und exemplarischen Lernen. Die Kinder bestimmen die Themen, wodurch eine emotionale Beteiligung erlangt werden soll. Ebenso ist der zeitliche Rahmen und die Teilnehmerzahl am Projekt von dem Interesse der Kinder geleitet. Ein Projekt kann so ein paar Stunden, einen Tag oder mehrere Monate andauern. Dabei sind die Projekte keine Sonderveranstaltungen, sondern in den alltäglichen Ablauf der Kindertagesstätte eingebettet. BegleiterInnen sind auch hier aufmerksame Zuhörer, die wenn nötig eingreifen und Hilfestellungen geben. Zudem können sie durch ihre intensive Beobachtung die aktuellen Interessen der Kinder erfassen und in die Projekte einbringen. Während der gesamten Projektarbeit liegt es in der Verantwortung der Begleiterin sich kontinuierlich vorzubereiten. Dies ist notwenig um auf spontane Probleme und Fragen eingehen zu können und die Offenheit der Projekte zu wahren. Das sie keine feste Zielsetzung haben und keinen starren Lehrplänen folgen, ist eine gute und dauerhafte Planung und Beobachtung von Seiten der PädagogInnen notwendig.
Projekte schulen die Kinder in vielerlei Hinsicht. Sie erfahren Verantwortung, Selbstständigkeit, Mitspracherecht und ihre Wünsche zu äußern. Sie lernen aber auch Materialien, ihre Beschaffenheit und den Umgang mit ihnen. Dabei schulen sie sich in der Suche nach Lösungen und lernen ihre individuellen Stärken und Schwächen einzusetzen.
[Bearbeiten] Stellenwert der Dokumentation
Ein zentrales Merkmal der Reggio-Pädagogik ist die Dokumentation. Mit Hilfe dieser versuchen die Pädagogen in Reggio Emilia ihrem eigenen Anspruch als aufmerksame Begleiter und Zuhörer gerecht zu werden, um die hundert Sprachen der Kinder zu achten und zu verstehen. Die wichtigste Form der Dokumentation ist die Projektdokumentation. Im Laufe eines Projektes werden die einzelnen Schritte der Kinder mit Hilfe von Fotografien, Videoaufnahmen, gemalten Bildern und Notizen festgehalten. Dabei versuchen die BegleiterInnen auch die Denkprozesse der Kinder nachzuvollziehen und zu dokumentieren. Die Ergebnisse werden Kindern und Eltern in Form von Wand- und Heftdokumentationen zugänglich gemacht. Sprechende Wände heißen die zahlreichen Plakate, welche die Einrichtungen schmücken. Mit Hilfe von Bildern und kleinen Erläuterungen wird es den Eltern ermöglicht, den Schaffensprozess ihrer Kinder zu erkennen und zu verstehen. Dabei werden die Wanddokumentation immer wieder neu entwickelt und erweitert, um den aktuellen Stand des Projektes zu repräsentieren. Das ermöglicht nicht nur den Eltern das Verständnis, sondern eröffnet gleichsam den Kindern was sie in den letzten Tagen und Wochen geleistet haben. Dadurch findet eine starke Wertschätzung der kindlichen Arbeiten statt, die das Selbstbewusstsein fördert.
Eine weitere Form der Dokumentation sind die Port Folios. Diese werden für jedes Kind bei Eintritt in den Kindergarten angefertigt und im Laufe der Zeit vervollständigt. In ihm finden sich Fotos und Bilder der Kinder, welche mit Kommentaren des Personals geschmückt werden. Frei zugänglich für Jedermann befinden sie sich in den Gruppenräumen und verdeutlichen die allgemeine Entwicklung der Kinder. Am Ende der Kindergartenzeit bekommt jeder sein Port Folio mit nach Hause und kann sich lebenslang an die Zeit in der Kita erinnern.
Die Dokumentation hat für alle Beteiligten eine wichtige Funktion. Für die Kinder ergibt sich eine Möglichkeit sich der eigenen Handlungen und Schaffensprozesse bewusst zu werden. Dabei reflektieren sie Vergangenes und überdenken ihre Aktivitäten neu. Zudem erfahren sie über das Festhalten eine besondere Wertschätzung und Anerkennung ihrer Produkte. Durch das Verdeutlichen der Entwicklungen legen die Reggianer den Fokus gleichsam auf den Prozess und das Produkt und wird für jeden nachvollziehbar. Für die BegleiterInnen dient die Dokumentation als Evaluation. Sie schulen die Aufmerksamkeit des Personals und lernen das genaue Beobachten und Hinhören. Dabei können sie sich ihrer eigenen Denkweisen bewusst werden und diese gegebenenfalls neu überarbeiten, was zu einer Steigerung ihrer eigenen Professionalität führt. Für die Eltern der Kinder eröffnet sich durch die Dokumentation ein intensiver Einblick in das Schaffen ihrer Kinder. Sie erkennen die Denkvorgänge und Fragen, welche sie im häuslichen Kontext erneut aufgreifen und mit dem Kind erarbeiten können. Zudem erhalten Eltern Einblick in den Alltag ihrer Kinder und die Arbeit der Pädagogen. Dies ermöglicht es ihnen die pädagogischen Vorgehensweisen zu reflektieren und zu kritisieren. Eigene Einsatzmöglichkeiten können erkannt und innerhalb eines intensiven Austausch mit anderen weitere Ideen gesammelt werden. [15]
[Bearbeiten] Reggio und Kunstpädagogik
Atelier, vielfältige Materialen und das Angebot an zahlreichen Sinneserfahrungen sprechen für ein kunstpädagogisch orientiertes Konzept. Die gestalterische Auseinandersetzung mit dem Objekt und der Umwelt fördert, laut reggianischen Konzept, die Eigenständigkeit, Selbstreflexion und Identitätsentwicklung der Kinder. Ähnliche Einstellungen zur Aneignung der Wirklichkeit und der Bildung einer ganzheitlichen Persönlichkeit mittels Kunst, finden sich in der Kunstpädagogik. Vor allem bei der Verwendung der Projektmethodik finden sich Parallelen zu Kunstpädagogen und ihrer Vorstellung von künstlerischen Arbeiten und der Reggio-Pädagogik.
Carl Peter Buschkühle verwendet den Begriff der künstlerischen Bildung. Diese zielt zum einen auf die Aktivierung des künstlerischen Denkens ab und zum anderen auf die Bildung einer Kreativität, welche sich auf die Lebenskunst allgemein bezieht. Dies erfordert aber eine dauerhafte und intensive Auseinandersetzung mit einer Thematik, welche innerhalb von künstlerischen Projekten sinnvoll realisierbar ist. Das Projekt eröffnet eine Verflechtung mehrerer Themengebiete und Methodiken, wobei Selbstvertrauen und Sozialverhalten geschult werden. Laut C.P. Buschkühle liegt ein weiterer Vorteil des künstlerischen Projektes in seiner Werkorientiertheit, wobei Werk das künstlerische Werk an sich meint. Die Arbeit an diesem führe letztlich zur Erarbeitung einer eigenen Haltung und Position. Diese Vorstellung von Kunst und Persönlichkeitsbildung findet sich auch im reggianischen Ansatz, der gleichsam von der Bildung einer stabilen Persönlichkeit, unter Anwendung ästhetisch-gestalterischer Praktiken, spricht. Zudem schafft der reggianische Raum ständig neue Anregungen und Unbekanntes, um das Kind zu Auseinandersetzungen zu bringen und neues erforschen zu lassen. Ähnlich spricht C.P. Buschkühle vom Unbekannten als Mittel zur Arbeit an sich selbst. Auch in seiner Vorstellung vom Projekt bezeichnet er den Kunstpädagogen als „begleitender Initiator“ [16] , welcher zwischen Polaritäten wie Offenheit und Struktur und individueller Arbeit und gemeinsamen Zielen zu balancieren hat. Letztlich bildet das Projekt eine Möglichkeit das Kind in seiner Persönlichkeit ganzheitlich zu fördern und es auf eine immer komplexer werdende Welt vorzubereiten.
Ähnliche Ziele verfolgt Mario Urlaß mit seinen Gedanken zum Projekt. Im Rahmen seines Sonnenblumenprojektes spricht er von der Abwendung von formalen Aspekten, das diese zu einer einseitigen Betrachtung von Gestaltung führen. Vielmehr müsse Erziehung das Kind zu eigenen Fragen ermutigen, neue Perspektiven eröffnen und sie mit innovativen Gedanken konfrontieren. Im Laufe eines Projektes entstehen so immer neue Fragestellungen, welche gleichsam neue Situationen schaffen die es zu bewältigen gilt. Carl Peter Buschkühle spricht von Verunsicherungen als Antrieb zur Kreativität, wodurch Fehler wie im reggianischen Konzept nicht als Falsch betrachtet werden, sondern neue Denkweisen hervorrufen.
[Bearbeiten] Literatur
- Buschkühle, Carl Peter: Die Welt als Spiel. II Kunstpädagogik: Theorie und Praxis künstlerischer Bildung. 1. Auflage, Athena Verlag, Oberhausen 2007. ISBN 978-3-89896-283-4
- Dreier, Anette: Was tut der Wind, wenn er nicht weht? Begegnungen mit der Kleinkindpädagogik in Reggio Emilia. 5. Auflage, Belz Verlag, Weinheim und Basel 2006. ISBN 978-3589252848
- Göhlich, H.D. Michael: Reggiopädagogik – Innovative Pädagogik heute. Zur Theorie und Praxis der kommunalen Kindertagesstätten von Reggio Emilia. 7. Auflage, R.G Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1997. ISBN 3-89501-279-3
- Jobst, Sabine: Inklusive Reggio-Pädagogik. Projektverlag, Bochum/Freiburg 2007. ISBN 978-3-89733-164-8
- Krieg, Elsbeth: Lernen von Reggio – Theorie und Praxis der Reggio-Pädagogik im Kindergarten. Verlag Hans Jacobs, Frankfurt am Main 2002. ISBN 978-3932136894
- Krieg, Elsbeth [Hrsg.]: Hundert Welten entdecken – Die Pädagogik der Kindertagesstätten in Reggio Emilia. Neue deutsche Schule Verlagsgesellschaft mbH, Essen 1993. ISBN 3-87964-281-8
- Lingenauber, Sabine: Einführung in die Reggio-Pädagogik - Kinder,Erzieherinnen und Eltern als konstruktives Sozailaggregat. 5. überarbeitete Auflage, Projektverlag, Bochum/Freiburg 2009. ISBN 978-3-89733-191-4
- Lingenauber, Sabine [Hrsg.]: Handlexikon der Reggio-Pädagogik. Projektverlag, Bochum/Freiburg 2004. ISBN 978-3897330733
- Textor, Martin R.: Projektarbeit im Kindergarten – Planung, Durchführung, Nachbereitung. 7. Auflage, Verlag Herder Freiburg im Breisgau 2002. ISBN 978-3451267277
- Ullrich, Wolfgang/Brockschnieder, Franz J.:Reggio-Pädagogik im Kindergarten. Verlag Herder Freiburg im Breisgau 2001. ISBN 3-451-27503-1
- Urlaß, Mario : Pendeln und Bündeln. Potenziale künstlerischer Bildung in der Grundschule. In: Buschkühle, Carl Peter/ Kettel, Joachim/ Urlaß, Mario (hgg.): Horizonte internationaler Kunstpädagogik. 1. Auflage, Athena Verlag, Oberhausen 2009, Seite 335 bis 350. ISBN 978-3898963718
[Bearbeiten] Weblinks
[Bearbeiten] Quellen
- ↑ Lingenauber, Sabine (Hrsg.): Handlexikon der Reggio-Pädagogik. Projekt Verlag, Bochum/Freiburg 2004, ISBN 978-3897330733, S.142
- ↑ Lingenauber, Sabine:Einführung in die Reggio-Pädagogik - Kinder, Erzieherinnen und Eltern als konstruktives Sozialaggregat. 5.überarbeitete Auflage,Projektverlag,Bochum/Freiburg 2009, ISBN 978-3-89733-191-4, S.28
- ↑ Göhlich, H.D.Michael:Reggiopädagogik-Innovative Pädagogik heute. Zur Theorie und Praxis der kommunalen Kindertagesstätten von Reggio Emilia. 7. Auflage, R.G. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-89501-279-3, S.72
- ↑ Lingenauber, Sabine: Einführung in die Reggio-Pädagogik – Kinder, Erzieherinnen und Eltern als konstitutives Sozialaggregat. 5. überarbeitete Auflage, Projekt Verlag, Bochum/Freiburg 2009, ISBN 978-3-89733-191-4, S.69
- ↑ Lingenauber, Sabine: Einführung in die Reggio-Pädagogik – Kinder, Erzieherinnen und Eltern als konstitutives Sozialaggregat. 5. überarbeitete Auflage, Projekt Verlag, Bochum/Freiburg 2009, ISBN 978-3-89733-191-4, S.42
- ↑ Ulrich, Wolfgang/ Brockenschneider, Franz- J.:Reggio-Pädagogik im Kindergarten. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2001,ISBN 3-451-27503-1, S.64
- ↑ Dreier, Anette: Was tut der Wind, wenn er nicht weht? Begegnungen mit der Kleinkindpädagogik in Reggio Emilia. 5. Auflage, Belz Verlag, Wein-heim und Basel 2006,ISBN 978-3589252848, S.41
- ↑ Krieg, Elsbeth/ Krieg, Helmut: Neue Gedanken brauchen neue Formen: Die Bedeutung des Raumes. In: Krieg, Elsbeth (Hrsg.): Lernen von Reggio. Theorie und Praxis der Reggio-Pädagogik im Kindergarten. Verlag Hans Jacobs, Frankfurt am Main 2002,ISBN 978-3932136894, S.74
- ↑ Bauer, Elke/Meißner, Ines: Die Kunst mit kleinen k. In: Krieg,Elsbeth:Hundert Welten entdecken – Die Pädagogik der Kindertagesstätten in Reggio Emilia. Neue deutsche Schule Verlagsgesellschaft mbH, Essen 1993, ISBN 3-87964-281-8, Seite 59 bis 66
- ↑ Ulrich, Wolfgang/ Brockenschneider, Franz- J.: Reggio-Pädagogik im Kindergarten. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2001, ISBN 3-451-27503-1, S.33
- ↑ Bauer, Elke/Meißner, Ines: Die Kunst mit kleinen k. In: Krieg,Elstbeth: Hundert Welten entdecken – Die Pädagogik der Kindertagesstätten in Reggio Emilia. Neue deutsche Schule Verlagsgesellschaft mbH, Essen 1993, ISBN 978-3932136894, Seite 59 bis 67
- ↑ Krieg, Elsbeth (Hrsg.): Hundert Welten entdecken – Die Pädagogik der Kindertagesstätten in Reggio Emilia. Neue deutsche Schule Verlagsgesellschaft mbH, Essen 1993,ISBN 978-3932136894, S.52
- ↑ Göhlich, H.D. Michael: Reggiopädagogik – Innovative Pädagogik heute. Zur Theorie und Praxis der kommunalen Kindertagesstätten von Reggio Emilia. 7. Auflage, R.G Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1997,ISBN 3-89501-279-3, S.61
- ↑ Textor, Martin R.: Projektarbeit im Kindergarten – Planung, Durchführung, Nachbereitung. 7. Auflage, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2002,ISBN 978-3451267277, S.10-14
- ↑ ;Jobst,Sabine: Inklusive Reggio-Pädagogik. Projekt Verlag, Bochum /Freiburg 2007,ISBN 978-3-89733-164-8, S.72
- ↑ Buschkühle, Carl Peter: Die Welt als Spiel. II Kunstpädagogik: Theorie und Praxis künstlerischer Bildung. 1. Auflage, Athena Verlag, Oberhausen 2007,ISBN 978-3-89896-283-4, S.175

