Kunsterziehungsbewegung

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Die Kunsterziehungsbewegung, welche um die Wende vom 19. und 20. Jahrhundert stattfand, ist eine wichtige Wegmarke in der Geschichte der Kunstpädagogik. Den Auftakt bildete der erste Kunsterziehertag 1901 in Dresden, wo weitreichende Veränderungen des Kunst- und Zeichenunterrichts angestrebt wurden.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Geschichtlicher Hintergrund

Den historischen Hintergrund der Kunsterziehungsbewegung und dem Aufkommen eines Kunsterziehungsgedanken, bildeten die Entwicklungen der europäischen Kulturkrise am Ende des 19. Jahrhunderts. Im Zuge einer kunstsozialen Erneuerung und als Begleitbild der fortschreitenden Industriealisierung, zeigten sich wirtschaftliche und soziale Spannungen in der Gesellschaft. Das Bürgertum zielte auf kulturelle Veränderungen, mit welchen ein „besseres“ Leben erreicht werden sollte. Veränderungen fanden auf vielen Ebenen statt, z.B. auch dem Arbeiterbereich.[1]

Die Kunst sollte an das Volk herangetragen werden und diese bewegen. Zur Verwirklichung der Ziele, sah man die angestrebte Reformpädagogik, welche das Schul – und Bildungswesen betraf, sowie Veränderungen der ästhetischen Kultur, wie beispielsweise durch den Jugendstil, welcher die Geschmacksvorstellungen der damaligen Zeit brach. Mithilfe der Reformpädagogik wollte man zur Entwicklung einer künstlerischen Individualität beitragen. Des Weiteren sollte die persönliche Begabung jedes Kindes gefördert werden und nach Alfred Lichtwark im kulturkritischen Ansatz, eine sittliche Erneuerung des Lebens durch künstlerische Erziehung stattfinden. Außerdem wurde das Augenmerk auf die Freihandzeichnung bzw. Kinderzeichnung gelegt, welche vorher weniger Beachtung fand. Sie wurde als förderndes Ausdrucksmittel gesehen.

[Bearbeiten] Kunsterziehertag 1901 Dresden

Der 1. Kunsterziehertag in Dresden wird als Wegmarke und Beginn der Kunsterziehungsbewegung angesehen. Diese setzte zwar schon weitaus früher ein, jedoch konnte mittels dieser Tagung, erstmalig eine öffentliche Wirksamkeit erzielt werden. Zu den Initiatoren gehörten neben Alfred Lichtwark, einem der wichtigsten Hauptfiguren, auch Konrad Lange und Carl Götze. Anknüpfend an eine allgemeine, gesellschaftliche als auch kulturelle Umbruchsituation, konnte die Kunsterziehungsbewegung in Folge einer ersten Zusammenkunft, eine große Bewegung, vor allem der Zeichenlehrer, erwirken. Sie lehnten den geometrisierenden Zeichenunterricht ab und sprachen sich vorrangig für eine stärkere Betonung des Ästhetischen, sowie der rezeptiven Beschäftigung mit Kunstwerken aus. In den Schulen galt die Pädagogik "vom Kinde aus". [2] Wichtige Entdeckungen im Zusammenhang mit der Kunsterziehungsbewegung waren, dass das Kind ein eigenständiges, schöpferisches Wesen ist, welches für die Kunstpädagogik von hoher Bedeutung ist.

Am 1. Kunsterziehertag anwesend, waren ca. 250 Teilnehmer. Vornehmlich Pädagogen, aber auch Vertreter der Schulbehörde, der Museen, Wissenschaftler und Künstler wohnten der Versammlung bei. Die Überwindung der alten Lernschule, hin zu einer Neuformulierung der Ziele bezüglich der Ästhetisierung der kindlichen Umgebung war erstrebenswert. Der geometrisch ausgerichtete Zeichenunterricht, wie er noch praktiziert wurde, stand der schöpferischen Entwicklung entgegen. Lichtwark setzte sich für eine Aufwertung des Kunstlehrers ein. Ihm sollte eine bedeutende Stellung zukommen.

Neben der ersten Versammlung, gab es noch zwei weitere Kunsterziehertage:

- 1903 in Weimar mit Schwerpunkt: Sprache und Dichtung, das freie Sprechen, dichterisches Kunstwerk und Jugendschriften

- 1905 in Hamburg mit Schwerpunkt: Musik und Gymnastik,musikalische Kultur, musikalische Genießen und Tanz [3]

[Bearbeiten] Das Wesen der künstlerischen Erziehung

Das Wesen der künstlerischen Erziehung, wie Konrad Lange sie skizziert, beinhaltet eine Erziehung des Kindes zur Genußfähigkeit. Dabei geht es nicht darum, die Kinder zu Künstler zu erziehen, was schon aufgrund verschiedener Begabungen nicht realisiert werden kann. Vielmehr soll eine Förderung der rezeptiven Genußfähigkeit stattfinden. Die Heranwachsenden sollen Kunst sehen und genießen und mit der Kunst, statt durch die Kunst erzogen werden.

Die Kunst selbst ist keine Antwort auf die soziale Frage, wird aber als Ergänzung des Lebens angesehen. Die Kunsterziehungsbewegung strebt danach, den Kunstsinn in jedem Individuum zu wecken und zu entwickeln. Zu Beginn der künstlerischen Erziehung, stand der Kampf gegen die starren Formen des Kunstunterrichts im Mittelpunkt. Die neuen Ziele und Ideen, fanden durch junge Lehrer, aber auch pädagogisch begabte Künstler ihre Umsetzung. Weitere Veränderungen zeigten sich durch die Erneuerung von Bilderbuchliteratur als auch Umstrukturierungen in den Museen. Die Hamburger Kunsthalle, als eine der ersten, unter der Leitung von Alfred Lichtwark, machte ihre Sammlungen dem Publikum und in besonderer Weise den Kindern zugänglich. Das Anleiten und gemeinsame Betrachten von Kunstwerken gab es so vorher nicht (s.Museumspädagogik).[4]

Die Erziehung zur Kunst soll in engerer Verbindung mit der Natur und der wahren Kunst stehen. Es geht um eine Herausbildung des künstlerischen Gefühls in jedem Individuum. Aufgrund dessen ist eine Erneuerung des Zeichenunterrichts notwendig. Um den Weg zur Kunst zu begründen, bedarf es der Übung der Anschauung. Nur mittels dieser kann das Schöne wahrnehmbar gemacht werden. Der Unterricht soll dementsprechend auf der Natur begründet sein und nur von ausgebildeten Fachleuten erteilt werden.

[Bearbeiten] Kritik am konventionellen Zeichenunterricht

Beim ersten Kunsterziehertag 1901 zeigte sich, dass der konventionelle Zeichenunterricht veraltet war. Hauptsächlich wurde mit geometrischen Formen gearbeitet und lithografische Vorlagen genutzt, welche die Freude an der Kunst gewaltsam verminderte. Auch das Abzeichnen von Figuren und Ornamenten war Bestandteil des Unterrichts. Meist wurde dieser von ungeschultem Personal gehalten und beinhaltete nur wenig pädagogische Fachkompetenz. Bereits 1893 forderte Konrad Lange eine Neuorientierung des Zeichenunterrichts.

[Bearbeiten] Der neue Zeichenunterricht

Angeregt durch die Kunsterziehungsbewegung tritt eine Erneuerung in den Zeichenunterricht ein. Die Zeichenlehrenden gingen nun vielmehr mit den Schülern in die Natur, um die Wahrnehmung an den Gegenständen zu schulen. Es sollte eine Abwendung von den starren Formen stattfinden. Die Arbeit mit Urformen, ob beispielsweise Quadrat, Dreieck o.ä., war aus den Konzeptionen des Unterrichts verschwunden. Stattdessen war das Beobachten, Darstellen und Durchführungen von Selbststudien, neuer Bestandteil des Unterrichts. Freies Zeichnen, als auch das Abzeichnen von vorhandenen Bauwerken, fanden ebenfalls vermehrt Beachtung.

Der Zeichenunterricht sollte als eines der Hauptfächer in der Schule gelten. Auch die Betrachtung von Kunstwerken war von Bedeutung, woraufhin die Museen vermehrt, ihre Sammlungen für Kinder zugänglich machten.

[Bearbeiten] Die Ausbildung der Lehrer

Der Lehrer, als einer der Hauptträger bei der Vermittlung von ästhetischer Bildung, muss eine dementsprechende, vielfältige Ausbildung erhalten. Eine ausreichende Bildung in Form eines künstlerischen Studiengangs soll ihn für die bedeutende Stellung befähigen. An den Universitäten soll eine künstlerische Anregung stattfinden, um möglichst kultiviert zu werden und die ästhetische Empfänglichkeit auch in seinen Schülern hervorrufen zu können.

Neben einem künstlerischen Interesse, kommt der Fähigkeit zeichnen zu können, ein hoher Stellenwert zu. Viele Übungen, sowie das Betrachten und Erläutern von Kunstwerken oder die Besuche von Ausstellungen, Vorträgen oder Führungen, sollten im Mittelpunkt stehen. Die ästhetische Erfahrung soll die Schüler zur Selbsttätigkeit anregen. Die Kinder haben das kreative Potenzial ähnlich einem Künstler inne. Der Lehrer übernimmt dabei die Rolle des Lernbegleiters.

Kunstverständnis und ästhetische Betrachtung lassen sich nicht in Worten oder nach didaktischen Regeln vermitteln. Dahingehend ist es wichtig, dass der Unterricht neu strukturiert wird. Die Natur muss mehr Einzug halten. Das ästhetische Sehen wird durch das bewusste Wahrnehmen von Farben und Formen, sowie der Darstellung und Nachbildung zugänglicher.[5]

[Bearbeiten] Chancen und Grenzen der Kunstbewegung

Der Zeichenunterricht erlangte aufgrund der Kunsterziehungsbewegung eine neue Bedeutung – er wurde zum Kunstunterricht. Erstmalig wurde nicht von einer Technik, sondern von einem Kunstbereich gesprochen. Durch die Reform sollte nicht nur die Kunst Zuwachs gewinnen, sondern auch die Bereiche: Musik, Literatur, Theater, sowie Tanz und Turnen. Die Bildung und Erziehung wurde um das Ästhetische erweitert und der Potenzialität des Kindes wurde Raum geschenkt. Hierbei gab der Kunstunterricht Impulse und Anregungen für Neues. Die Annahme, dass Kunst dem kindlichen Spiel ähnelt und somit aus dem Kind selbst hervorgeht, zeigt, dass der Kunstunterricht eine schöpferische Funktion übernommen hat. Er ist auf das subjektive Erleben eines jeden Einzelnen ausgerichtet. Neben Spaß, soll den Schülern die Möglichkeit gegeben werden, ihrem Ausdrucksvermögen Raum zu verleihen und ihre Entwicklung zu begünstigen. Dabei findet eine Abgrenzung von anderen Fächern statt. Die ästhetische Bildung und Erziehung, geht von der grundsätzlichen Verbindung von Kind und Kunst aus und begreift diese als pädagogische Aufgabe. Kunst soll einen Gegensatz zur technischen Welt darstellen. Darin liegt die große Chance aber gleichzeitig auch die Schwierigkeiten und Probleme des Kunstunterrichts. [6]

Die Bestrebungen der Kunsterziehungsbewegung sind schwer zu erreichen. Mit Beginn des 21. Jahrhunderts wird sogar zunehmend von einer Abschaffung der Kunstpädagogik hin zu einer Kunstvermittlung diskutiert. Neben den vielfältigen Veränderungen und Neuorientierungen, welches das Fach stetig unterworfen ist, sind jedoch die Grundlagen der Reformbewegung immer noch vorhanden.

Die Probleme des Kunstunterrichts liegen in der Vielzahl an Leitzielen. Die Heraufbeschwörung von gesellschaftlichen, individuellen und moralischen Zielbestimmungen stehen dem Fach eher im Weg als förderlich zu sein. Weiterhin wurde im Zuge der Kunsterziehungsbewegung, eine Verbindung von Kunst und Kind geschaffen. Diese Fundament wird mittlerweile häufig von Vertretern der Erziehungswissenschaft und der Kinderpsychologie hinterfragt. Durch die Bestrebungen der Reformpädagogik zu einer >>Pädagogik vom Kinde aus<<, zeigte sich, dass Kinder einen intuitiven Zugang zu Kunstwerken besitzen. Hierbei ist anzuführen, dass dies jedoch dann keiner Lehre bedarf, da es ein intuitiver Vorgang ist. Einen hohen Stellenwert hat auch die Beschäftigung mit Kunst hinsichtlich der Bildung des Charakters als auch gesamtgesellschaftlichen Fragestellungen. Der ästhetische gebildete Mensch sei der „bessere“ Mensch. Eine moralische und soziale Entwicklung wird durch eine freie, künstlerische Entwicklung begünstigt. Der Unterricht sollte in erster Linie, einen künstlerischen Selbstausdruck sowie ästhetische Erfahrung vermitteln. Doch nicht nur die Verbindung von Kunst und Kind hat im Verhältnis der Kunstpädagogik einen Stellenwert, auch die Position des Kunstlehrers ist bedeutend. Zum Einen soll der Lehrer selbst Künstler sein, um sein Wissen an die Kinder heranzutragen und zum anderen, soll er eine Vermittlerrolle übernehmen. Im eigentlichen Sinne soll er beratend Hilfestellung leisten und Raum für eigene Entfaltung implizieren und somit ästhetische Erfahrungen ermöglichen. Seit der Kunsterziehungsbewegung ist der Beruf des Lehrers schwierig geworden. Neben den Freiräumen und den Gestaltungsmöglichkeiten, welche kein anderes Fach zu bieten hat, sind die Erwartungen an einen Kunstlehrer immens hoch. Dennoch ist ein Lehrer kein Therapeut o.ä. Kunstpädagogen sollten Entwicklungsstörungen oder auch Sonderbegabungen wahrnehmen und bei Bedarf zu reagieren. Weitere Maßnahmen sollten jedoch vorbehalten sein.[7]

[Bearbeiten] Literatur

1. Helene Skladny, Ästhetische Bildung und Erziehung in der Schule - Eine ideengeschichtliche Untersuchung von Pestalozzi bis zur Kunsterziehungsbewegung, kopead, München 2009, ISBN 978-3-86736-122-4.

2. Hermann Lorenzen [Hrsg.], Die Kunsterziehungsbewegung, Bad Heilbrunn, Klinkhardt (Pädagogische Quellentexte) 1965, ISBN 3 7815 0064 0.

3. Georg Peez, Einführung in die Kunstpädagogik, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-020422-5.

4. Gert Weber, Kunst Erziehung Gestern Heute morgen auch, Otto Maier Verlag, Ravensburg 1964.

[Bearbeiten] Weblinks

1. Geschichte des Bildunterrichts - Materialien. Die Publikation zum ersten Kunsterziehertag in Dresden 1901. [1]

[Bearbeiten] Quellen

  1. Gert Weber: Kunst Erziehung Gestern Heute morgen auch, Otto Maier Verlag, Ravensburg 1964, S.37
  2. [Helene Skladny]]: Ästhetische Bildung und Erziehung in der Schule - Eine ideengeschichtliche Untersuchung von Pestalozzi bis zur Kunsterziehungsbewegung, kopaed, München 2009, ISBN 978-3-86736-122-4, S. 163
  3. Gert Weber: Kunst Erziehung Gestern Heute morgen auch.Otto Maier Verlag, Ravensburg 1964, S. 49
  4. [[Hermann Lorenzen [Hrsg.]]]: Die Kunsterziehungsbewegung, Bad Heilbrunn, Klinkhardt (Pädagogische Quellentexte) 1965, ISBN 3 7815 0064 0, S.21ff
  5. Geschichte des Bildunterrichts - Materialien. Die Publikation zum ersten Kunsterziehertag in Dresden 1901
  6. Helene Skladny: Ästhetische Bildung und Erziehung in der Schule - Eine ideengeschichtliche Untersuchung von Pestalozzi bis zur Kunsterziehungsbewegung, kopaed, München 2009, ISBN 978-3-86736-122-4, S. 283
  7. Helene Skladny: Ästhetische Bildung und Erziehung in der Schule - Eine ideengeschichtliche Untersuchung von Pestalozzi bis zur Kunsterziehungsbewegung, kopaed, München 2009, ISBN 978-3-86736-122-4, S. 284 ff
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